Prof. Dr. Paul U. Unschuld – Die antiken chinesischen Medizintexte des Huang Di Nei Jing und Nan Jing in moderner Übersetzung. Brückenschlag zwischen den Kulturen

23. September 2017 in Berlin

Vor zwei Jahrtausenden, und ohne sichtbaren Vorlauf, verfassten uns heute unbekannte Autoren in China eine Vielzahl von kleinen Schriften, die im Rückblick als der Beginn der Geschichte der Chinesischen Medizin angesehen werden können. Ohne Zweifel, Heilkunde hatte es seit Urzeiten in China gegeben und sie war auch in Schriften dokumentiert worden, die uns heute aus Grabbeigaben bekannt sind. Doch eine „Medizin“ im engeren Sinn, deren Texte vergleichbar sind mit der in unserer Gegenwart noch praktizierten Chinesischen Medizin, erstand ab dem 2., 1. Jahrhundert. Ihre Eigenart war die Abkehr von einem Gewißheit, dass Götter, Geister, Dämonen und Ahnen unser Schicksal und damit auch Gesundheit und Krankheit bestimmen. Die neue Medizin beruht auf einer ganz neuen, bis dahin in China nicht dokumentierten Sicht: Es gibt Naturgesetze und wer sein Leben nach diesen Naturgesetzen richtet, der braucht sich vor Krankheit nicht zu fürchten. Kleine Unpässlichkeiten lassen sich durch Änderung der Essgewohnheiten und mit der Nadelbehandlung wieder richten.

Prof. Dr. Paul U. Unschuld, M. P.H.
Direktor, Horst-Görtz-Stiftungsinstitut
Charité-Universitätsmedizin Berlin

Erfolg hatten die Autoren der antiken Texte mit ihrer Revolution offenbar lange Zeit nicht. Die von ihnen verfassten Texte wurden zwar noch im 1., 2. Jh. n. Chr. in drei Konvoluten zusammengefasst, aber deren Überlieferung über die Jahrhunderte hing an einem seidenen Faden. Die Texte gingen in China verloren, oder waren Jahrhunderte später so schlecht in fragmentiertem Zustand noch erhalten, dass eine Rekonstruktion größte Mühe bereitete. Einfacher war es da schon, im 11./12. Jahrhundert aus Korea eine dort erhaltene Kopie zurückzuholen. Dass auch in Japan Kopien erhalten blieben, entdeckte man erst im 19. Jahrhundert.

Was war der Grund für diesen seltsamen Umgang mit einem der aus heutiger Sicht wichtigsten Text-Corpus der chinesischen Antike? Warum wurde der medizinische Wert dieser Texte einer breiten Allgemeinheit erst 1000 Jahre nach ihrer Niederschrift bewusst? Das Seminar am 23. September 2017 widmet sich diesen Fragen und anderen mehr. Wie fern sind uns denn solche Texte heute? Können wir die Denkweise der antiken Autoren, noch dazu in einer Sprache verfasst, die sich seitdem in Grammatik und Vokabular verändert hat, in die Gegenwart „übersetzen“? Wo liegen die Fallstricke? Tatsächlich sind manche Passagen und Aussagen der antiken Texte überraschend modern. Natürlich stimmen die Bezeichnungen der Krankheiten in mancher Hinsicht mit heutigen Termini und Begriffen nicht mehr überein – aber Vieles ist rekonstruierbar. Drei Texte sind es: das Ling shu, das Su wen und das Nan jing. Alle drei schöpfen aus dem Pool zahlreicher kleiner Schriften des 2. und 1. Jahrhunderts vor und wohl auch der Zeit nach Chr. Geb. Alle haben ihre Eigenarten. Sie vermitteln einen Einblick in die damaligen Erkenntnisse zum Arzt-Patienten-Verhältnis ebenso wie in die unvermittelt weitreichenden theoretischen Bemühungen, das Leben des Menschen, ja die Existenz des gesamten Universums zu verstehen und menschliches Überleben in einer feindlichen Umwelt zu sichern. Wieviel ist von den damaligen Gedanken noch in der heutigen TCM erhalten geblieben? Die Teilnehmer an dem Seminar werden alle diese und weitere Fragen erörtern und mit der gemeinsamen Lektüre der Texte diskutieren. So ist es erforderlich, dass jeder Teilnehmer möglichst schon in der Vorbereitung des Seminars sich beide Bände der im Cygnus-Verlag erschienenen deutschen Übersetzungen anschafft, spätestens aber zum Seminar selbst. Die Bände sind bei Naturmed erhältlich: Antike Klassiker der Chinesischen Medizin. Band 1: Huang Di Nei Jing Su wenNan Jing. Band 2: Ling shu/Zhen jing.

Teilnehmer im Besitz einer „Übersetzung“ des Su wen, Ling shu und Nan jing von anderen Autoren sollten auch diese mitbringen, damit die unterschiedlichen Herangehensweisen an die antiken Texte sichtbar gemacht werden können.

Ein Kurs in Kooperation mit der

Buchung der Veranstaltung über die Medizinische Gesellschaft für Qigong Yangsheng e.V.

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